Astrid Petermeier

Neues aus dem Rührgebiet

ZUSAMMENSTOSS MIT HÄNDI

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Händies in den Händen Jugendlicher – Fluch oder Segen?
Dass ich diese Frage noch mal unter völlig neuem Licht betrachten würde, hätte ich bis gestern auch nicht gedacht.

VORHER
Wer kennt das Elend nicht? Man sieht den Neffen selten genug, lädt ihn zum Essen ins Restaurant ein und muss das Gespräch siebzehn Mal unterbrechen, weil auf seinem Händi eine message eingeht.

Mitleidiges Lächeln des Neffen, wenn unsereine fragt, wer so schwer in Not ist, dass er dauernd Beistand leisten muss.
Wer keinen Neffen hat, setze sich einfach in die S-Bahn und lausche den Händigesprächen, die nur zu gern mit „ich bin in fünf Minuten bei dir“ beginnen, aber keineswegs enden. Denn die Botschaft, dass man die neueste Musik oder eine Schachtel Kippen dabei hat, kann keine fünf Minuten warten.
Ich kann gar nicht zählen, wie viele Veruche, in der Bahn ein Buch zu lesen, mir dieses Gelaber schon vergällt hat.

GESTERN
morgen um Zehn war ich auf dem Weg zum Bahnhof, als mir zwei Jungen – höchstens 15, 16 – entgegenkommen. Breiter Bürgersteig, meinerseits von einem kniehohen Mäuerchen gesäumt. Höflich, wie ich bin, weiche ich ein wenig aus und erwarte dasselbe von ihnen. Pah, sie denken gar nicht daran: tun so, als ob sie durch mich hindurchsehen und marschieren wie die Soldaten weiter. In meinem knallgelben Mantel bin ich alles andere als unsichtbar – allerdings nicht jung genug, um angebaggert zu werden, nicht alt genug, den Mütterlein-Respekt zu verdienen.
Auf dem allerletzten Meter wird mir klar, dass ich nur noch auf das Mäuerchen hüpfen kann, wenn wir nicht zusammenstoßen sollen.
Nee, Jungs, nicht mit mir!
denke ich noch und zack, rempelt einer der beiden seine Schulter vor die meine. Nicht schmerzhaft, aber wahrnehmbar (nur für den Fall, dass er wirklich so versunken war, mich nicht zu bemerken:).
„Idiot!“ sage ich laut und gehe breitschultrig weiter.
Was sich daraufhin über meine Rückansicht ergießt, ist eine Kanonade aus Wörtern in einer mir fremden Sprache. Nur in einem bin ich sicher: keines davon übersteigt das Niveau von Schlampe.
Ich drehe mich langsam um, sehe in ihre Milchbubengesichter und grinse.
„Das habe ich verstanden.“ behaupte ich einfach mal.
Offenbar kaufen sie mir das nicht ab. Die Bübchen werden richtig wütend, lassen den Herrenmenschen auf ihren Gesichtern erscheinen. Die Situation eskaliert, als sie erste Schritte auf mich zu machen. Ich sehe mich um und stelle dasselbe fest wie sie: die sonst so belebte Straße ist zwar sonnig, aber menschenleer, die Pommesbude noch geschlossen, bis zum Eingang des Supermarkts müsste ich schnell wie ein Hase um die Ecke rennen. Die Gesichter der Jungs spiegeln jedoch, dass sie ihre Machtdemonstration unbedingt fortsetzen wollen – vermutlich mit einem Schlag in die Fresse dieser ungehörigen Alten.
Schnell wie ein Hase war ich noch nie, aber seine Angst habe ich jetzt. Und wie!
Ob laut um Hilfe schreien was bringt?
Als ich ihnen diese Genugtuung gerade gönnen will, bimmelt eines der Milchbuben-Händies einen dösigen motherfucker-Rap. Ist klar: da muss er drangehen! Es könnte ja ein Kollege sein, der mitteilen will, dass man sich in fünf Minuten treffen wird.
Halleluja, ich bin gerettet! Flatternden Herzens setze ich meinen Weg zum Bahnhof fort. Sollen sie heute in der S-Bahn doch in ihre Händies plappern, was das Zeug hält.

NACHHER
Fluch oder Segen, das ist hier die Frage.
Bevor ich entscheide, ob ich bei der nächsten Begegnung dieser Art doch lieber auf’s Mäuerchen hüpfe (Tipps werden als Kommentar zu diesem Beitrag gern entgegengenommen),
könnte ich mal bei der Polizei nachfragen, wie viele jugendliche Kleinkriminelle gefasst werden, weil auf der Flucht ihr Händi klingelte.

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