Astrid Petermeier

Neues aus dem Rührgebiet

PAROLE: VAGINA

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Nordstadt Dortmund, Heroldstraße, Gelände eines Kindergartens

Das ist sie, meine neueste Lieblingsparole. Ich sah sie und mein Kopf sprudelte von Gedanken und Geschichten, zum Beispiel über

Die beiden kleinen Jungs, die gerade Aufklärung in der Schule hatten. Kichernd murmeln sie „Vagina, Vagina“ vor sich hin. Als Ahmed lauter wird, stößt Paul ihn an.
„Ey, Alter, das ist versaut!“
„Feigling!“ gibt Ahmed zurück.
„Vaaaginaaa!“ brüllt Paul so laut, dass er selbst erschrickt.
Niemand auf der Straße reagiert. Ob die das Wort gar nicht kennen?
„Wie schreibt man das eigentlich?“ will Paul wissen.
„V-a-g-i-n-e-r“, wir sind nämlich im Rührgebiet, wo die schlauen Kinder leben. Die meisten Worte, die wir am Ende wie A sprechen werden in Wirklichkeit mit e-r geschrieben.
Sie ziehen die Buchstaben auf dem Spielplatz in den Sand. Ein älteres Mädchen kommt dazu, lacht die beiden aus.
„Mit A am Ende, ihr Dösies!“
„Woher willst du das wissen?“
„Ich heiße Vanessa.“

„Treffen sich zwei Frauen, beide der weiblichen Anatomie durchaus kundig, und sprechen über die Vulva. Das Problem: Sie müssen erst mal googeln und hoffen, keiner merkt’s. Was genau ist noch mal die Vulva? Wo fängt sie an? Wo hört sie auf? Und gehört die Vagina dazu? Das ist tatsächlich so passiert. Man stelle sich zwei Männer vor, die über das männliche Genital sprechen: Die Chance, dass sie Penis und Hoden verwechseln, ist eher gering.“
Wer die Auflösung über den Unterschied zwischen Vagina und Vulva wissen will, lese selbst im „Zeit-Magazin“ weiter.

Meine Lieblingsparole lautet Vagina, liegt also innen. Genau genommen: innen untenrum. Titeln wir die Gegend doch einfach so, wie Gustave Courbet es 1866 tat:
DER URSPRUNG DER WELT

Das ist jetzt wirklich herrlich versaut, nicht? Nee, dämlich versaut, nämlich Frauensache und ich habe mich schon immer gefragt, was den ollen Courbet auf diese Bildidee gebracht hat. Er hat so dämlich recht mit seinem Titel und das fuchst die Herren (der Welt???) bis heute so sehr, dass sie alles versuchen, um diesen Ursprung der Welt zu beherrschen: Das geht von der Vergewaltigung bis zum Abtreibungsverbot.
Wieso, fragt Virginie Despentes zum Thema Vergewaltigung in ihrer frechen, tollen, also dämlichen King-Kong-Theorie, haben wir eigentlich noch kein Gerät für die Vagina erfunden, das jeden unerwünscht eindringenden Penis sofort schreddert?

Frau Pirschke und Frau Yüksel kommen vom Markt. Sie sind sich selten einig, aber heute.
Frau Yüksel: „Direkt am Kindergarten! Furchtbar!“
Frau Pirschke: „Das sollte man sofort da weg machen. Eine Schande!“
Frau Yüksel: „Narrenhände beschmieren Tisch und Wände.“
Frau Pirschke: „Aber so eine Schweinerei geht zu weit.“
Zuhause packt Frau Pirschke ihre Brötchen aus und erstarrt.

Wieso, also, haben wir dieses Penis-Schredder-Gerät noch nicht erfunden? Weil wir den Glauben, Frauen seien schwach, zart und irgendwie immer selbst Schuld, in uns hineingefressen haben wie ein trockenes Brötchen? Wenn wir so tun, als existiere die Vagina nur in den Köpfen versauter Männer, werden sie uns dann niemals als dämliche Fotzen betrachten, mit denen sie machen können, was sie wollen? Warum schaffen wir es nicht, denen, die uns Gewalt antun, eine herrliche Fotzen-Angst einzujagen?
Jochen Hörisch über das Courbet-Bild im Deutschlandfunk: „Die weit und erwartungsfroh gespreizten Beine einer wohlgeformten, jungen Frau geben den Blick frei auf den „Ursprung der Welt“: auf die ein wenig geöffnete Vagina und über sie hinaus auf den Bauch, den Nabel und die rechte Brust einer hingestreckten Schönen.“
Erwartungsfroh?!? Was spukt denn da durch’s Männerhirn?

Vanessa hat Lust auf Rechtschreibunterricht. Nachts und mit Sprühdose. Sie klettert so gut, dass sich tags darauf viele fragen, wie sie VAGINA an diese Stelle gekriegt hat.

Nur ihr Kumpel, der Schmiere gestanden hat, kratzt sich hinterher am Kopf.
„Veganer?“

Die Vagina ist eine gutgehende Einkommensquelle für den Staat und die Hersteller von Hygieneartikeln. Die Luxussteuer von 19 % wird auf Tampons erhoben und Frauen müssen erst eine Petition mit 85.000 Unterschriften einreichen, damit dies im Bundestag überhaupt diskutabel wird. Eine Auflistung der Kosten findet ihr hier.
Ich erinnere mich gut an die betretenen Gesichter meiner WG-Genossen aus den 70ern, als ich Tampons vom Haushaltsgeld bezahlen wollte. Ihr glaubt gar nicht, wie schnell sie auf Rasierwasser kamen. Im Gegensatz zu den Männern im Bundestag wurde ihnen aber kein Stimmrecht eingeräumt.

In den 80ern kam das Schwämmchen in Mode: es sollte echter Schwamm sein, kann mit einem Faden versehen und immer wieder ausgewaschen werden. Hat den Vorteil, dass der Schwamm die Vagina nicht so austrocknet wie ein Tampon. Bringt lustige Erlebnisse beim Auswaschen auf öffentlichen Toiletten.
„Haben Sie sich verletzt?“ fragt mich eine fürsorgliche Dame.
„Jeden Monat.“ grinse ich und sie rennt, als sei der Teufel hinter ihr her.

Die Dämonisierung von Vulva und Vagina in natura hat seitdem immense Fortschritte gemacht:
Total-Rasur und Labioplastik, also Schönheitsoperationen an den Vulvalippen sind angesagt. Damit es hinterher so aussieht wie bei Barbie: ein kleiner Strich zwischen den Beinen. Da lassen es sich die Verwirrten also jede Menge Geld kosten, dass die ach-so-sensiblen Herren keine Angst vor ihren eigenen Fantasien kriegen: eine behaarte Vagina-Dentata – uuaaah! Möge den Barbie-Frauen der Schweiß, den meine Haare so sanft auffangen, triefend an den Beinen runterlaufen!

„Viele Frauen haben keine Vorstellung davon, dass es natürlich und sinnvoll ist, dass die inneren Schamlippen länger sind als die äußeren. Sie dienen dem Verschluss des Scheideneingangs und somit dem Schutz vor Fremdkörpern – zu Zeiten als Menschen noch nackt umherliefen.
Das Labienaussehen war noch vor kurzem nicht so wichtig, weil die Intimbehaarung normalerweise den Schamhügel und die Ansicht der Schamlippen verdeckte. Als Folge der vollständigen Rasur des Intimbereichs setzen sich viele Frauen und manchmal auch ihre Partner mit dem Aussehen ihrer Schamlippen intensiver auseinander…“ Siehe Wunderweib

Nie werde ich vergessen, wie ich mir eine Nacht im Krankenhaus ersparte, weil ich bereit war, mich selbst zu rasieren. Ich saß mit einem Spiegel in meiner Badewanne und bin fast gestorben vor Angst, weil die Vulva doch jede Menge Fältchen aufbietet und bei Berührung gut durchblutet wird. Ich habe es geschafft, ohne mich zu verletzen und hätte den Krankenbruder am nächsten Morgen fast gewürgt. „Wir machen den OP-Schnitt oberhalb Ihrer Schamhaare.“ sagte er. „Es hätte gereicht, wenn Sie die Haare auf dem Vulva-Hügel abgeschnitten hätten.“ Also, meine Damen, deutsche Gründlichkeit ist nicht mal bei einer Gebärmutter-OP angesagt.

„Aus medizinischer Sicht sind die Risiken einer Schamlippenverkürzung im Prinzip überschaubar, allerdings entstehen Narben, die beim Verkehr schmerzen können, da Narbengewebe nicht der eigentlichen Hautstruktur entspricht. In den Wochen nach der Operation sind schmerzhafte Schwellungen häufig und manchmal auch Entzündungen, die aber normalerweise abklingen. Es können aber auch wulstige Veränderungen an den Narben auftreten, also eine optisch ungünstige Veränderung. Narben können auch dauerhaft Schmerzen beim Sitzen, beim Radfahren oder beim Reiten verursachen, und kein Operateur kann versichern, dass er solche Folgen definitiv ausschließen kann.“ grusele ich mich beim Wunderweib-Lesen weiter.

Vanessa ist im Freibad. Wenn sie sich überhaupt rasiert, dann an ihren Rehbeinchen.
„Iiieh!“ kreischt ein Mädchen. „Der quellen Haare aus dem Bikini.“
Sofort kontrolliert ihre Freundin, ob auch keine Strähne aus ihrem Kopftuch lugt.
Vanessa ignoriert sie und sieht zum Sprungturm hoch.
Was dem Typen, der mit Muskelspiel auf sich aufmerksam macht, aus der Hose hängt, sieht aus wie eine tote Fledermaus. Obendrein hat er sich eine Glatze rasiert und poliert, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie bescheuert er am Hinterkopf aussieht, wie lächerlich sein roter Langbart damit wirkt.
Widerlich, befindet Vanessa.
Nun sucht sie eine Wand für ihre neueste Parole:

SCHLEIER STATT EIER

.

Und sie setzt noch dieses Zeichen daneben, damit auch die Herrlichen wissen, dass sie gemeint sind.

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Bildnachweis Gustave Courbet: commons.wikimedia

das die-Pussi-beißt-zurück-Schmuckstück gibt es bei etsy.

4 thoughts on “PAROLE: VAGINA

  1. Liebe Astrid,

    hat es den Dialog zwischen den beiden Jungs „in Echt“ gegeben? Ich hätte mich wegschmeißen können! In der Tat: im Rührgebiet wo die schlauen Kinder wohnen… Und nicht von der Hand zu weisen die Grammatik-bezügliche Schlussfolgerung die er-Endungen betreffend… ja, wahrlich, da finde eine durch. Ansonsten kann ich nur immer wieder mit einem Zitat dienen, das einer ebenso knalligen Konversation dreier Teenagerinnen in der Straßenbahn entstammt: Eine hatte Liebeskummer und die beiden anderen mussten raten, stützen, ermuntern, trösten. Eine war eine gar profunde Beziehungsexpertin und schlug immer wieder Sätze vor, die die Geknickte doch zum Objekt des Verdrussen sagen könne. Die Zweite aber war lebensweise und hatte mit ihren mindestens 13 Jahren einfach schon zu viel gesehen, um sich auf schnöde Tips zu kaprizieren. Ihr Kredo lautete: „Weißte, irgendwann kommt Karma! Ja, echt! Irgendwann kommt Karma.“ Was hätte ich da hinzuzufügen. Und es ist damit der Beweis erbracht: Auch in Köln gibt es unglaublich kluge Kinder :).

    • Der Dialog ist erfunden, aber ich kannte mal ein Mädchen, das „Vanesser“ schrieb und Vanessa meinte, was mich schwer beeindruckt hat.

  2. Das freut mich jetzt sehr, lieber Uli, dass ich nix Falsches geschrieben habe. Widmen wir uns der Frage, ob Du es spüren und beurteilen könntest, wenn’s ich doch getan hätte…. die LAWINE rollt weiter!

  3. Gut zu wissen, freue mich Astrid, dass du literarisch unterwegs bist. Nix falsch, was drinsteht. Alles richtig und kurz und knapp das, was jeder Mensch über das weibliche Lustzentrum wissen sollte, wobei mir die Lust etwas zu kurz gekommen ist, die Frauen ganzkörperlich erleben können, worum Männer Frauen sicher oft beneiden🤔😉😎

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