Astrid Petermeier

Neues aus dem Rührgebiet

MIT VOLLEM MUND

„Wer wagt es?“
knurre ich in den Telefonhörer. Das kann ich schon leiden, wenn mich einer beim Fußnägellackieren zu Kaffee und TV stört. Natürlich sehe ich, dass es mein Chef ist – aber der weiß nicht, dass ich das weiß. Mit der Ansage muss er klarkommen, wenn er mich gleich nach Feierabend schon wieder anruft. Den Fernseher leiser machen? Wovon träumt der denn? Dafür müsste ich erstmal die Fitsche finden. Nicht unter der Zeitung, nicht hinter der Kaffeetasse, auch nicht hinter dem Telefon, in der Pizzaschachtel? Zum Glück nicht, rasch mal abbeißen.
„Ich bin was? Gefeuert?“
Vor Schreck lege ich den Nagellackpinsel auf der Untertasse ab. Verdammt, die schöne von Oma! Jetzt nervt dieses Boulevardmagazin aber wirklich! Dabei warte ich nur auf die Aktuelle Stunde, sozusagen meine Tageszeitung. Wofür ich die noch im Abo habe, weiß ich nicht. Wahrscheinlich, um auf meinem Tischchen nichts mehr wiederzufinden. Aah, die Fitsche, eingerollt in die Fernsehzeitung, auf der die Untertasse weilte. Weilte – Präterritum, in der Zukunft werde ich wohl Zeit zum Putzen, Aufräumen, Staubsaugen haben.
„Und wenn das hundertmal der hochheilige Herr Sponsor war. Woher will der wissen, dass ich bei unserem Telefonat Pizza gegessen habe?“
Emails checken? Sofort? Auf meinem Labtop läuft gerade ein Download. Wo ist mein Tablett? Logo, in der Handtasche. Ich mache mich so lang wie möglich – es reicht nicht. Bin wohl die Letzte, die noch ein Telefon mit Schnur hat. Arrgh! Genau diese dusselige Schnur hat jetzt den Kampf gegen das Nagellackfläschchen gewonnen! Egal, da ist Cheffes Mail. Ein Foto. Von mir im Bürodress, très élegant, mit Bergen von Arbeit vor mir, Headset auf den Ohren, Salamipizza in der Hand, was sage ich?: direkt vor dem Mund. Was soll man denn machen, wenn man nicht mal mehr Zeit für die Mittagspause hat, weil immer alles gleichzeitig erledigt werden muss?
Ha, der Sack hat einfach aufgelegt!
Und ich habe Zigarettenasche auf dem frischen Nagellack. Darauf einen Düjardeng! Eins ist so sicher wie das Amen in der Kirche: kein Nagellackentferner mehr. Bäh, sieht das eklig aus, da vergeht mir sogar die Lust auf die flotte Salamipizza. Labtop her, Download unterbrechen, sein Kündigungsschreiben ausdrucken, Termin bei Gewerkschaft machen. Erstmal ’ne Kippe. Ruhig, Brauner, ruhig. Die neuen Stiletto-Sandalen kannst du für heute abhaken. Nicht mit dem Geschmier auf den Nägeln. Mist, jetzt ist der Kaffee kalt!
Mach‘ nicht so einen Lärm, blöder Drucker. Ich habe ja schon ein Testbild im Ohr. (Für die Jugend: ein Faxgerät.) Piiiiep! Wollte ich nicht einen Aperitiv nehmen? Tääätä, tätätätäää! Das ist kein Testbild, sondern die Tagesschau. Will ich etwa die Letzte sein bei der Vernissage? Deo, Trockenshampoo, Partykleid, hopphopp. Na bitte, geht doch: fertig in weniger als fünf Minuten. Und im Galopp nochmal zurück von der Wohnungstür zum Fernseher. Aus die Maus!

Bilder der Stille? Dass ich nicht lache. Ganze Männergesangsvereine aus Chefs, Sponsoren und Pizzaboten grölten und fiepten während der Vernissage durch mein Hirn. Immerhin sah ich fast wie eine Künstlerin aus mit Turnschuhen zu tiefem Decolletee. Wenn man aus den Dingern bloß so fix rauskäme wie aus Stilettos. Zum Bücken habe ich zu viele Drinks intus. Schreibtischstuhl. Wehe, du rollst weg! Nee, tut er nicht. Mädel, du sollst nicht mit dem Kopf auf den Schreibtisch sinken, sondern die dösigen Schnürsenkel entknoten. Moment, hier stimmt was nicht! Ich müsste mit dem Kopf auf den Labtop sinken. Wo ist der? Schon wieder dieses Testbild im Ohr. Ich habe den Fernseher doch extra ausgemacht! Gaha, der ist auch weg! Ich brauche Luft, frische Luft!
Davon gibt es genug. Mein Fenster steht weit offen. Oh, ich Doofe! Es war auf Kippe! Den blöden Fernseher schalte ich ab, aber das Fenster lasse ich offen. Konzentration! Einbrecher, Polizei: Telefon? Noch da, klaro, asbach-uralt mit seinem Brokatbezug. Keine Ahnung von Antiquitäten, diese Diebe von heute. Aber auf dem Schreibtisch nur noch Kabel, sorgsam aus Labtop und Drucker ausgestöpselt. Alles weg! Mein Tablett? Da habe ich das Sofakissen draufgepfeffert, wegen des blöden Fotos. Könnte mein Glück sein… Aua! Auf einem halb ausgezogenen Turnschuh humpelt es sich schlecht. Natürlich haben sie das teure Tablett gefunden. Ich glaube es nicht! Die haben sogar meine Pizza gefressen. Was steht da mit Nagellack auf der Schachtel? SALAMI SCHMECKT SCHEISSE.
Ich wusste gar nicht, wie laut ich schreien kann. Zack, an die Wand mit dem Nagellackfläschchen. Nicht schön, aber selten.

Ganz langsam und in güldenem Farbton fließt der Saft aus der Blutorange in mein schönstes Weinglas. Passt doch großartig zu meinem neuen Wandbild. Weite Tunika am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen – und ist allemal besser als der quetsch-enge Bürodress. Dazu Tomaten und Frühlingszwiebeln auf Frischkäsebrot. Mmmh!
Wer wagt es?
Bei einer Arbeitslosen vor Zehn anzurufen.
Frischkäse verstreichen macht fast so viel Spaß wie Malen mit Nagellack. Ist richtig hübsch geworden, mein chinesisches Schriftzeichen auf der Wand.

KriseChin Krise = Chance

Holla, die Tomatenscheiben sind mir gelungen! Meditatives Schneiden nennt man das. Rot auf Weiß, jetzt nur noch grüne Frühlingszwiebeln in kleine Stücke schnippeln. Das wird ein Genuss.
Lass mich in Ruhe, Testbild! Ich habe keinen Fernseher mehr. Es gibt Leute, die können einfach nicht aufgeben. Zehn Mal klingeln lassen, ts ts ts. Zwölf, dreizehn, vierzehn, Piiiep!
Erstmal abbeißen, probieren. Na, etwas handgemahlener Pfeffer gäbe meinem Frühstück noch Foffo. Siebzehn, achtzehn, neunzehn, ganz langsam und gut durchkauen.
Ich weiß noch etwas viel Besseres als Telefon-Ignorieren:
„WENN ICH ESSE, ESSE ICH!!!“
Pling, wieder aufgelegt. Wer das war? Keine Ahnung, ich habe den Mund voll und sehe aus dem Fenster in meinem Baum. Die Vögel zwitschern besser als jedes Fax.

Astrid Petermeier, Januar 2015

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