Astrid Petermeier

Neues aus dem Rührgebiet

HALDENLIEBE. Fotografien von Monika Meer

Eröffnungsrede zur Ausstellung vom 1. 11. 2016

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Als 1958 die Industrie im Ruhrgebiet noch echte Schwerindustrie war, die Schlote rauchten, die Halden wuchsen und die Malocher des Ruhrgebiets die halbe Republik ernährten, wagten es der Fotograf Chargesheimer und der Schriftsteller Heinrich Böll ein Buch über unseren Lebensraum zu veröffentlichen.
Womit sie sich hier keineswegs beliebt machten: man warf ihnen „pessimistische Voreingenommenheit und beispiellose Einseitigkeit“ vor, weil sie zeigten, welche Lebensumstände Schwerindustrie den Menschen aufzwingt.
„Das Wort Fortschritt bleibt bittere Ironie, solange dem Menschen die Elemente: Erde, Luft und Wasser entzogen oder vergiftet werden.“ schrieb Heinrich Böll und: „Venus hat dort keinen Tempel“.

Heute, 58 Jahre später, sind wir natürlich mächtig stolz darauf, dass einer wie Chargesheimer hier Fotografien machte (die übrigens mit denen von Monika Meer einzig das Thema gemeinsam haben). Allerdings ist die Schwerindustrie der Industriekultur – oder auch Arbeitslosigkeit – gewichen und Venus hat nun jede Menge Tempel, u.a. oben auf den Halden, die wir jetzt Landschaftsparks nennen.
Wenn ich die Fotografien von Monika Meer ansehe, frage ich mich gern, wie man sie wohl andernorts aufnimmt. Sind unsere Venustempel nicht eine merkwürdige Mondlandschaft? Kriegt der Bayer nicht das Kichern, wenn wir unsere Halden als Berge bezeichnen? (Die höchste Bergehalde im Ruhrgebiet ist die Halde Oberscholven im nördlichen Gelsenkirchen mit einer Höhe von 201 Meter über dem Normalnullpunkt)
Haben die im Ruhrgebiet denn wirklich keine anderen Motive für eine Landschaftsfotografin? Die hätten wir übrigens zur Genüge (z.B. an der Ruhr), doch Monika hat ganz bewusst eine andere Entscheidung getroffen.

Ich sag’s mal so: Monikas Sinn für Romantik hat nichts mit putzig, mit engen Gässchen oder Tautropfen auf bunten Herbstblättern zu tun. Wir Ruhries verlieren unser Herz nun mal am Rhein-Herne-Kanal, wenn nicht sogar an den Rhein-Herne-Kanal oder wahlweise die Halde Hohewart.

Da sie mit dieser Ausstellung ihre Haldenliebe erklärt, müssen wir kurz klären, was eine Halde ist:
Im Bergbau wurde mit der Kohle auch jede Menge Material zu Tage gefördert, das sich nicht verwerten ließ. Dieses bezeichnet man in der Fachsprache auch als Bergematerial, Abraum oder taubes Gestein. Bergehalden befinden sich immer in der Nähe zum Förderort, also der Zeche. Unsere Berge sind also Berge im doppelten Sinne und bergen darüberhinaus die Besonderheit, dass sie aus der Tiefe kommen, also eine Verbindung zu den Hohlräumen unter der Erde darstellen.

Als Chargesheimer seine Fotos machte, war ich Kind und die Halden waren für mich dasselbe wie für ihn, der sie von unten fotografieren musste. Düstere Berge, die einfach da waren, aber gewiss nicht zum Erklimmen gedacht.
„Bleib‘ da weg, ist gefährlich!“ hieß es. Das hat sich ebenso verändert, wie wir im Ruhrgebiet die Elemente Erde, Wasser und Luft zurückgewonnen haben. (Feuer hatten wir hier ja schon immer.)
Wenn die Fotografin Monika Meer oben auf einer Halde steht, steht sie nicht einfach auf einem Berg, sondern auf einer Verbindung zum Unten, zur Geschichte des Ruhrgebiets. Allerdings spielt sich das Leben nicht mehr Unter Tage, sondern oben ab und ganz oben auf den Halden kann man Höhenflüge genießen.

Ich möchte das an einem Beispiel erläutern. Es handelt sich um eine Aufnahme, die auf der Schurenbachhalde in Essen gemacht wurde, auf der sich eine Bramme von Richard Serra befindet. Wäre es in erster Linie um diese Bramme gegangen, hätte Monika auch ein Hochformat wählen können.
Das Querformat aber ist typisch für Landschaftsbilder, selbst in der Landschaftsmalerei findet man sehr selten Hochformate. Es geht also um mehr als die Bramme.

Bevor ich jetzt loslege, das Bild aus meiner Sicht „auseinanderzunehmen“, ist mir eines wichtig: wenn wir in ein Bild eintauchen, tauchen wir in eine magische Welt ein. Sie hat ein eigenes Raum-Zeit-Verhalten, weil unsere Blicke hin- und herschweifen können. In der sog. Realität kann sich längst etwas verändert haben, wenn wir zum zweiten Male hinschauen, beim Bild ist das nicht so. Die Zeit steht und wir, bzw. unsere Wahrnehmung sind in Bewegung. Fotografie ist so gesehen ein Mittel, das erlaubt, einzigartige Momente festzuhalten. Zugleich ist sie aber kein Fenster, durch das wir in die Realität schauen. Wir haben es mit einer Komposition zu tun, die die Fotografin ausgewählt hat und die es ihr wert war, die Zeit anzuhalten.

Vilem Flusser beschreibt in seiner „Philosophie der Fotografie“ (Göttingen 1983) die Absicht des Fotografen:
Er will seine Begriffe von der Welt in Bildern verschlüsseln.
Er bedient sich dazu des Fotoapparats.
Er will die Bilder anderen zeigen, damit sie als Modelle für ihr Erleben, Erkennen, Werten und Handeln dienen können.

Deshalb wäre es mir wichtig, dass ihr kurz und in Ruhe eure Blicke über dieses Bild schweifen lasst. Was zieht euch in das Bild hinein und wo findet ihr wieder raus? Merkt euch, was euch magisch anzieht, wo ihr hängen bleibt, welche Wege ihr entlang schweift.

Als brave Kunsthistorikerin habe ich das Bild erstmal aufgerastert, also in jeweils drei Längs- und drei Querdrittel geteilt und siehe da: die Fotografin hat eine ungemein ausgewogene Komposition gewählt, die sich, anbei bemerkt, in ihren anderen Bildern wiederholt.

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Das untere Bilddrittel endet
– an der Spitze des Schornsteins links
– und am Übergang vom hellen zum dunkler werdenden Himmel rechts.
Ich nenne dieses untere Bilddrittel mal frech die „Menschenebene“, auf der jede Menge los ist.

Wir haben links Industrieanlagen, ein ganzes Gewusel von Schornsteinen, Strommasten, Gasometern, kleinteilig und vielfältig wie die Dinge in einem Setzkasten. Lauter gerade Flächen und Linien, nur der Qualm bildet amorphe Formen, die sich jedoch deutlich von denen des Himmels unterscheiden.
Von diesem Qualm werde ich weiter nach rechts gezogen, ins mittlere Drittel des unteren Bilddrittels. Jetzt haben wir sanfte Hügel im Hintergrund und stoßen vor die Bramme. Wir können sehen, wie das Licht auf ihrer Spitze gleißt und daraus schließen, wo die Sonne steht. Wir können auch sehen, dass die Bramme mit Graffities übersäht ist und dass die nur eine bestimmte Höhe erreichen. Viel weiter hoch kommen die Menschen also nicht, es sei denn, sie stellen eine Bramme auf.
Im rechten unteren Bilddrittel sehen wir im Hintergrund wieder Industrie und im Vordergrund, der übrigens der vorderste Vordergrund dieses Bildes ist, ein Fahrrad. Was hat denn nun das Fahrrad auf dem Bild zu suchen? Wer Monika kennt, weiß, dass sie leidenschaftliche Radfahrerin ist. Man könnte das Rad als Signatur auffassen. Es gehört aber auch zu den Bildgegenständen, mit denen wir die Tiefe ausloten können: die Größe des Rades klärt in Relation zu den Hügeln oder dem Schornstein, dass die ganz schön weit weg sein müssen, wir also einen Weitblick genießen. Es klärt auch, wie riesig diese Bramme ist – immerhin ein Gegenstand, der den meisten von uns nicht so viel sagt.
Das Fahrrad ist also ganz wichtig, um uns auf der Menschenebene zu verorten.

Für mich hat dieses Bild zunächst drei Blickfänger:
1. die Bramme als geometrische Fläche, die außerdem so flach ist, dass ich sie wirklich als Fläche wahrnehme. Sie steht keineswegs senkrecht, sondern schräg im Bild und ist ja auch ein reichlich schräges Stück. Sie stößt mit ihrer Spitze genau an die Bildmitte, muss also wichtig sein. Als Bestandteil der Komposition hat sie die Funktion, einerseits die Bildmitte zu markieren, andererseits daneben zu stehen. Sprich: sie gibt mir als ein schräges Daneben nicht gerade Halt oder dem Bild das Korsett einer Mittelsenkrechten. Ihre herausragende Eigenschaft ist, alles zu überragen und zugleich durch ihre Labilität zu verunsichern.
Man darf sich fragen, was das Ding da soll, was es überhaupt darstellt. Tja, der Stahlarbeiter weiß das natürlich, aber ich, als Tochter eines Stahlarbeiters, musste schon nachschlagen, was eine Bramme ist (ein Block aus gegossenem Stahl, Vormaterial für Bleche und Bänder. Serras Bramme hat 14,5 m Höhe, 4,2 m Breite und eine Dicke von 13,5 cm). Vor diesem Bild stehend nehme ich sie erstmal als riesige, etwas unheimliche Form wahr.

2. Das Fahrrad: prima, so ein Teil kenne ich wenigstens, das ist mir vertraut . Es reflektiert das Licht, weshalb es meinen Blick immer wieder auf sich zieht. Es hält das Gleichgewicht des Bildes, setzt eine Betonung im rechten Bilddrittel.

3. Die Industrieanlagen, die so schön klein- und vielteilig sind, das ich richtig was zu entdecken habe. Vielleicht bestätigen sie dem Fremden auch: seht her, es qualmt ja noch im Ruhrgebiet.

Diese drei Blickfänger befinden oder gründen allesamt im unteren Bilddrittel und ich wäre ein Feigling, wenn ich mich nur dort aufhielte.
Die Bramme will meinen Blick sowieso immer wieder nach oben ziehen, also versuche ich doch mal, den Himmel auszuloten. Bestimmt habt ihr die große kreisende Bewegung rund um die Spitze der Bramme schon bemerkt.
Ich lege jetzt aber wieder mein Raster über das Bild und staune: der Himmel ist in den oberen Bilddritteln keineswegs gleich, aber wohlfeil aufgeteilt. Ich sagte ja, dass wir eben nicht durch ein Fenster in die Realität, sondern in Monikas Komposition schauen, die einen magischen Augenblick gestaltet.

Im linken oberen Bilddrittel knubbeln sich die Wolken, wirken wattig, ein wenig noch wie Tageswolken. Wenn ich dann im oberen Drittel von links nach rechts sehe, werden die Wolken blauer und dunkler. Die Bramme scheint sowas wie eine Hell-Dunkel-Scheide zu sein.

In der Mitte kommt der Himmel stärker in Bewegung, die Wolken ziehen Streifen, unterbrochen durch die Bramme. Der hellste Teil des Bildes befindet sich links und verdunkelt sich zunehmend nach rechts. Wieder bildet die Bramme eine Grenze und wieder fällt mir auf, wie auf ihrer Schnittkante das Licht reflektiert.
Was für ein Licht reflektiert da?
Es ist der Sonnenuntergang, der den Himmel zum Schauspieler macht.
Viele von Monikas Bildern sind bei Sonnenuntergang aufgenommen. Damit verrät sie ein wenig über sich selbst. Wir erfahren zum Beispiel, wann die hauptberufliche Astrologin Feierabend hat und wer genau hinschaut, sieht, dass die meisten dieser Bilder nicht im Winter aufgenommen sind, wenn die Sonne schon gegen 6 untergeht. Der Sonnenuntergang in einem Horoskop wird DC genannt, von descendere-absteigen und Monika hat dort ihre Sonne in Konjunktion zu Venus und Merkur stehen. Ich erinnere mich gern daran, wie sie den Deszendenten in meiner Astrologie-Ausbildung beschrieb: das Licht wird weicher und schwächer, die Stimmung romantisch, es ist der Punkt der Begegnung und wir müssen schon genau hinsehen, um zu erkennen, wem wir begegnen.

Wem sind wir denn nun in diesem Bild begegnet?

– Einem Stück Ruhrgebiet, wie man es sich klassisch oder klischeehaft vorstellt: Industrie, die ordentlich qualmt. Eigentlich einem Teil der Geschichte, die Chargesheimer und Böll dokumentierten. Sie macht gerade mal noch ein Neuntel dieses Bildes aus. Vielleicht wird auch sie bald vom Arbeitsplatz zur Industriekultur. Was für ein köstliches Wortungetüm. Es war nicht gerade die Schwerindustrie, die uns im Ruhrgebiet mit Kultur verwöhnt hat.

– Wir sind dem Mut begegnet, mit dem das Ruhrgebiet auf seine Geschichte verweist.
Da stellen die so ein rostiges Stück Stahl von Richard Serra mitten auf einen Berg.
Genau dieses Stück Stahl zieht unsere Blicke nach oben, macht den Himmel zum Schauspieler. Der Himmel steht aber auch für die Luft, die wir zurückgewonnen haben und Luft bedeutet nicht nur in der Astrologie Bewegung, geistige Regsamkeit.
Wir haben den Himmel und das krege Element Luft gebraucht, um freche Industriekultur und Landschaftsfotografien wie diese entstehen zu lassen. Industrie-Kultur ist das, was wir daraus machen, aus uns und aus unserer Geschichte, die nun mal aus Stahlbrammen und Halden von taubem Gestein besteht. Die Venustempel konnten erst entstehen, nachdem die Industrie uns verlassen hatte.

– Letztlich sind wir einem Fahrrad begegnet, das dieses Bild abschließt wie ein Punkt den Satz. Ein Fortbewegungsinstrument wie ein Fahrrad ist ein merkwürdiger Schlusspunkt. Doch es steht genau so, dass wir nur noch aufsteigen müssen, um damit rechts aus dem Bild herausfahren zu können. Vielleicht zur nächsten Halde oder zum nächsten Bild dieser Ausstellung.

Ihr merkt schon, dass Geschichte, Mut und Bewegung die Dinge sind, denen ich in diesem Bild begegnet bin. Andere Wege bieten andere Interpretationen an. Da kommen wir also zu dem, was Kunst immer wieder ausmacht: sie will Anlass zum Austausch sein.

Austausch ist vor allem das Gespräch und das Feine an der Kunst ist, dass alle mitreden dürfen. Deshalb bat ich anfangs darum, euch zu merken, wie ihr durch dieses und andere Bilder gestreift seid – bestimmt nicht so schematisch wie ich mit meinem Raster.
Also: legen wir los und reden miteinander über Monikas Bilder.

Astrid Petermeier, 1.11.2016

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